Gedanken zum Wiesenvogelschutz

Foto: Rotschenkel-NABU/Gabi Joormann

In meiner Kindheit konnte ich noch zahlreiche Feld- und Wiesenvögel rund um Rhede beobachten. Dabei ist mir der Kiebitz mit seinem unverwechselbaren Flug noch sehr gut in Erinnerung geblieben. Meine Freude ist jedes Mal groß, wenn ich ihn sehe.

Der zunehmende Artenschwund erfüllt mich mit großer Traurigkeit, so weiß ich doch, dass der Lebensraumverlust die Ursache hierfür ist. Der Anteil an Wiesen-, Weide- und Brachflächen hat drastisch abgenommen. Stattdessen gibt es immer mehr Anbau von Mais und Raps. Es fehlen die so wichtigen Brutplätze für unsere Wiesenvögel.

Mit weiteren 19 Millionen Euro wollen die EU-Kommission und die Düsseldorfer Landesregierung den Schutz unserer Feld- und Wiesenvögel vorantreiben. Lebensräume mit besseren Brutbedingungen zu schaffen, zu fördern und zu schützen ist eine zentrale Aufgabe des LIFE-Projektes Wiesenvögel NRW https://www.life-wiesenvoegel.nrw.de/projekt.

Insbesondere sensible Vogelarten wie Uferschnepfe, Rotschenkel, Wiesenpieper und Brachvogel sollen von den umfangreichen Maßnahmen wie Gebietsvernässung, Monitoring etc. profitieren, ebenso wie selten gewordene Pflanzen und Insekten.

Foto: Fuchs-Olaf Liesche

Foto: Betonrohrfalle-NABU/Martin Steverding

Ein Grund zur Freude, aber es gibt einen Wermutstropfen: Nicht alle Tiere in diesen Gebieten werden gleichermaßen in den Schutz einbezogen. Auf unsere heimischen Wildtiere wie Marder, Fuchs und Wiesel wird intensiv Jagd gemacht. Um einen möglichen Gelegeverlust der Vögel durch diese sogenannten Prädatoren zu verhindern, werden zahlreiche Lebendfangfallen (Betonrohr-, Kasten- und Wieselkippfallen) in und außerhalb von Schutzgebieten aufgestellt. Die Fallen sind mit Fangmeldern ausgerüstet und signalisieren, wenn ein Tier hineingetappt ist. Noch in der Falle werden sie von einem Jäger getötet. Um jede Ansiedlung zu verhindern, werden beispielsweise ganze Fuchsfamilien umgebracht. Das Dilemma ist, dass freie Reviere rasch wieder neu besetzt werden. Infolge des Jagddrucks versuchen die Tiere zudem, die Verluste durch eine höhere Anzahl an Welpen auszugleichen. Studien zufolge führt erst eine dauerhafte Tötung von etwa 80 % der Füchse und Co zu einer Bestandsreduktion.

Wollen wir zulassen, dass für unsere Verfehlungen und Versäumnisse weiterhin zahllose Tiere zu Tode kommen?

Können wir verantworten, dass zahlreiche Füchse und Marder für einen zweifelhaften Artenerhalt tierschutzwidrig gefangen und getötet werden?

Ist es nicht so, dass Vögel und Füchse wie wir Menschen empfindungs- und erlebensfähige Individuen sind, die ein Recht auf Leben haben?

Tragen wir Menschen nicht die Verantwortung, die Grundlagen für ihr Leben zu erhalten bzw. wieder herzustellen?

Die Bestandsrückgänge unserer Feld- und Wiesenvögel haben sich in den letzten Jahren weiter beschleunigt. Der dramatische Abwärtstrend hält an, meldet das Deutsche Bundesumweltministerium. Betroffen sind insbesondere Rebhuhn, Kiebitz (Abnahme um 90 %) und Feldlerche (75 %). Die Deutsche Ornithologen-Gesellschaft (DO-G) schreibt dazu: „Es hat sich gezeigt, dass die bisherigen überwiegend auf Einzelflächen oder in Schutzgebieten angewendeten Maßnahmen nicht ausreichen, den Rückgang der Vogelarten der Agrarlandschaft aufzuhalten.“

Es stehen wirksame und praxiserprobte Maßnahmen für den Bestandserhalt der Feld- und Wiesenvögel zur Verfügung. Dazu ist laut DO-G eine extreme Ausweitung ökologisierter landwirtschaftlicher Flächen dringend erforderlich.

Dazu gehören

  • die massive Einschränkung bzw. ein Verbot von Pestiziden, diese Gifte, die tonnenweise versprüht werden, sind eine wesentliche Ursache des Insektensterbens, was zur Folge hat, dass unsere Vögel keine Nahrung mehr finden und verhungern.
  • Schaffung von ökologisch wertvollem artenreichem Dauergrünland,
    Verzicht auf Überdüngung, Gülle etc.,
  • Schaffung von Brachen und Kleinstrukturen, Feldrändern, Säumen und Flurgehölzen
    Förderung und Flächenausweitung der Biolandbaus.
    Was kann jeder Einzelne von uns tun?

Wir können unseren Fleischkonsum deutlich reduzieren. So wird weniger Fläche für den Tierfutteranbau benötigt.

In einer großangelegten dreiteiligen Untersuchung kommt der WWF Deutschland zu dem Ergebnis, dass 1) der Flächenfußabdruck fleischbetonter Ernährung sehr groß sei, dass 2) eine fleischärmere Ernährung und die Vermeidung von Nahrungsmittelabfällen zu bedeutsamen Einsparungen beim landwirtschaftlichen Flächenverbrauch und 3) zu deutlich geringeren Treibhausgasemissionen führen würde.

Wir können den landwirtschaftlichen Produkten insgesamt einen höheren Wert beimessen. Während 1950 in Deutschland ein Kilogramm Schweinefleisch 1,6 % des monatlichen Nettoverdienstes kostete, waren es 2002 nur noch 0,28 % (Quelle: Wikipedia).

Für ein Umdenken ist es noch nicht zu spät. Wenn wir also wirklich etwas ändern wollen, wovon auch noch nachfolgende Generationen profitieren sollen, müssen wir die eigentlichen Ursachen anerkennen und handeln. Der richtige Zeitpunkt dafür ist jetzt.

 

Ein sehenswerter Film, der die Ursachen des Artenschwundes verdeutlicht:

Vermisst – Wo sind unsere Vögel? (https://vimeo.com/549005581)

http://www.do-g.de/fileadmin/DO-G_Positionspapier_Agrarvoegel_21.10.2019_n.pdf

Autorin: Gabi Joormann