Konflikt um die Wölfe am Niederrhein

 

Wolf - hier als Symbolbild

Im Novemberregen fuhr ich mit dem Fahrrad über einen holprigen Weg durch den Bialowieza-Urwald im äußersten Osten Polens. Auf einem kleinen Seitenweg sah ich zwei größere Tiere stehen. Ich hielt an, schaute durchs Fernglas und sah zwei Wölfen direkt in die Augen. Der eine war sehr groß und kräftig mit etwas dunklerem Fell, der andere ein wenig zierlicher und etwas heller. Sie standen nebeneinander, schauten mich noch eine kurze Zeit lang an und verschwanden dann zwischen den uralten Bäumen. Es war eine der schönsten von zahlreichen Begegnungen mit Wölfen während meiner zwei Jahre, die ich dort verbracht habe.
Wild lebende Wölfe zu erleben war für mich als jugendlicher Naturbeobachter ein ferner Traum. Wahr wurde er während eines dreimonatigen Praktikums am Ende meines Studiums in einem Wolfs-Forschungsprojekt im Bialowieza-Wald. Mit Fahrrad und Antenne verfolgten wir die Bewegungen besenderter Wölfe. Das Praktikum öffnete mir damals die Tür für meinen danach folgenden zweijährigen Forschungsaufenthalt. Ich forschte zwar an Spechten, aber ich hatte weiterhin immer wieder unvergessliche Begegnungen mit Wölfen. Gefährlich war keines dieser Zusammentreffen, bei denen ich fast immer allein war, sowohl tagsüber als auch nachts. Gefahr ging – wenn überhaupt – eher von den zahllosen Wildschweinen und den kaum scheuen alten einzelgängerischen Wisentbullen aus.
Dass der Wolf einmal durch die heimischen Wälder streifen würde, hätte ich mir damals nicht im Entferntesten erträumt – seit 2018 ist er im Raum Schermbeck im Kreis Wesel wieder heimisch. Für mich ist es eine Freude, dass der Wolf und einige andere große Arten wie Seeadler, Uhu, Fischotter und Biber wieder bei uns Fuß fassen. Es ist ein Lichtblick in all der Dunkelheit des dramatischen Artensterbens, der fortschreitenden Umweltzerstörungen und des Klimawandels. Leider aber schlägt dem Wolf eine Welle von Angst, Ablehnung und Hass entgegen, in der sich berechtigte Sorgen und Nöte mit Vorurteilen und Unwahrheiten vermischen. Reißerische Darstellungen, Übertreibungen und teilweise grober Unfug in den verschiedensten Medien tun ihr Übriges. Auch namhafte Wissenschaftler wie Prof. Dr. Stubbe von der Uni Halle reden von einer angeblichen Übervermehrung von Wölfen, obwohl nach wie vor der Großteil Deutschlands nicht von Wölfen besiedelt ist. Ein sachlicher Dialog zwischen Freunden und Gegnern der Wölfe ist schwierig geworden.
Sind Wölfe für Menschen gefährlich? In Europa gab es nach der aktuellen Studie des Norwegischen Institutes für Naturforschung von 2002 bis 2020 genau zwei belegte Attacken von Wölfen gegen Menschen in Europa: Ein tollwütiger Wolf in Kroatien (Tollwut bei Wölfen, Füchsen und Hunden ist in Deutschland seit vielen Jahren ausgerottet) und ein sich in Bedrängnis wehrender Wolf in Nordmazedonien (in Bedrängnis wehrt sich jedes Tier), beide Attacken waren nicht tödlich.
Aktuell kursieren viele Prophezeiungen, dass die Wölfe den Abstand zu den Menschen verlieren würden und bald Menschen angreifen und töten würden. Es gibt für diese Spekulationen weder Beispiele noch nachvollziehbare Belege. Besonders haarsträubend, aber auch unterhaltsam, sind die derzeit häufig zitierten sieben Eskalationsstufen des ukrainisch-kanadischen Wissenschaftlers Valerius Geist.
In Nordostpolen gibt es seit eh und je Wölfe und sie nähern sich regelmäßig den Dörfern bzw. gehen durch sie hindurch. Ich habe in den zwei Jahren dort niemanden getroffen, der sich deswegen Sorgen machte. Die meisten Menschen dort interessieren sich nicht für die Wölfe.
Dezimieren Wölfe das Wild? In Deutschland gibt es hohe Wildbestände. Rehe und Wildschweine sind weit verbreitet und fast überall häufig. Rotwild ist zwar nur stellenweise verbreitet, aber wo es vorkommt ist es in der Regel ebenfalls zahlreich. Rehe und Rothirsche sind die häufigste Beute für Wölfe. Wildschweine werden seltener erbeutet, da sie sehr wehrhaft sind und für angreifende Wölfe ein hohes Risiko darstellen. Der Einfluss der Wölfe auf die Bestandzahlen der genannten Wildarten ist gering. Die Anwesenheit von Wölfen führt aber durchaus zu Verhaltensänderungen und zu Änderungen der Raumnutzung von Wildtieren.
Bedeuten die Wölfe das Ende der Weidewirtschaft? Das größte Konfliktfeld im Zusammenhang mit Wölfen sind Übergriffe auf Weidetiere, insbesondere Schafe. Schlagzeilen machten die Wölfe im Schermbecker Wolfsgebiet vor allem durch mehrere gerissene Ponys. Die Schermbecker Wölfe hatten von Anfang an leichtes Spiel durch schlecht bis fast gar nicht geschützte Weiden. Es sind immer noch – Stand Anfang Dezember 2021 – Schafweiden von Hobby-Tierhaltern mit völlig unzureichenden Zäunen mitten im Territorium der Wölfe zu sehen.
Die Tötung von Wölfen kann nach geltendem Artenschutzrecht nur das letzte Mittel sein, wenn alle anderen Mittel der Konfliktlösung ausgeschöpft worden sind. Das heißt im Fall von Angriffen auf Weidetiere: Eine Tötung von Wölfen kommt nur dann infrage, wenn der empfohlene Weidetierschutz wiederholt durch die Wölfe überwunden worden ist. Dies ist im Wolfsgebiet Schermbeck trotz der hohen Zahl der Übergriffe offensichtlich nicht der Fall – für die meisten Übergriffe konnte nachgewiesen werden, dass der Schutz nicht ausreichend war.
Herden- bzw. Weidetierschutz ist gewiss nicht einfach. Am effektivsten ist der Einsatz von Herdenschutzhunden. Dies ist jedoch meist nur von Berufsschäfern zu bewerkstelligen und auch nur dann, wenn dies entsprechend gefördert wird. Dabei muss nicht nur wie derzeit die Anschaffung, sondern auch der Unterhalt dieser Tiere gefördert werden. Ohne Herdenschutzhunde helfen nur hinreichend hohe und intakte Elektrozäune. Empfehlungen zum Herdenschutz sind z. B. im Verbände-Papier Herdenschutz zu lesen, das 2019 gemeinsam von NABU, BUND, Gesellschaft zum Schutz der Wölfe, Bundesverband der Berufsschäfer und weiteren Verbänden herausgegeben wurde. Die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe sieht im Herden- und Weidetierschutz die zentrale Aufgabe im Wolfsschutz – nur mit effizientem Weidetierschutz ist eine konfliktarme Koexistenz von Mensch und Wolf in Deutschland möglich. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist eine deutlich stärkere und weniger bürokratische Förderung und Unterstützung der Weidetierhalter als bisher.
Umfassende Information zum Wolf und zum Herden- und Weidetierschutz gibt es auf der Website der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe www.gzsdw.de
Autor: Dr. Martin Steverding
Foto: NABU/Jürgen Borris (Symbolbild)