Meine Begegnungen mit Eichhörnchen

Frollein Primo: Foto Gabi Joormann

Alles hat damit begonnen, dass ich nach der morgendlichen Vogelfütterung auf meiner Dachterrasse die Tüte mit den Nüssen achtlos im angrenzenden Wohnzimmer liegen ließ. Nach einer Weile hörte ich ein Knistern und entdeckte zu meiner Überraschung ein rotbraunes Eichhörnchen was sich an der Tüte zu schaffen machte und erfolgreich eine Walnuss stibitzte, bevor es sich eilig mit der Beute aus dem Staub machte. Am darauffolgenden Morgen legte ich auch auf dem Wohnzimmertisch eine Nuss in der Hoffnung wir würden uns ein zweites Mal begegnen. Offenbar war das Eichhörnchen ebenso interessiert, vermutlich aber eher an der Nuss, dass es am nächsten Morgen gegen 5:30 ins Wohnzimmer huschte und die Walnuss vom Tisch nahm. Dabei beobachtete ich wie es die Frucht geschickt und schnell in seinen Vorderpfoten drehte, um die geeignete Stelle zu finden, um sie für den Abtransport mit den Zähnen festzuhalten. Nachdem es irgendwo draußen die Beute verbuddelt hatte, kam es wieder um sich erneut eine Walnuss zu holen. Dieser Vorgang wiederholte sich noch einmal und als es Zeit war zur Arbeit zu gehen, schloss ich die Balkontür nicht ohne ein paar Nüsse davorzulegen.

Seitdem sind einige Wochen vergangen und es haben sich zwei weitere Eichhörnchen dazu gesellt. Jedes dieser Hörnchen hat seine individuellen Eigenschaften und Vorlieben und ich gab ihnen Namen: Frollein Primo, Bellamami und Mr. Sporty.

Frollein Primo steht morgens als erste auf der Matte. Sie hat geschwollene Zitzen und damit Nachwuchs zu versorgen. Nach ihrer morgendlichen Körperhygiene (Eichhörnchen sind sehr reinlich) welche aus Fellpflege und dem Säubern der Tasthaare besteht, frühstückt sie erstmal ausgiebig. Neben Sonnenblumenkernen und Nüssen (keine Mandeln, sie sind giftig!) stehen auch Obst und Gemüse auf ihrem Speiseplan. Ist sie satt, beginnt sie mit dem Sammeln und Verstecken der Nüsse, die auch schonmal in den Töpfen der Terrassen- und Zimmerpflanzen landen. Routiniert führt sie Tag für Tag diese Tätigkeiten in dieser Reihenfolge aus.

Bellamami, die sehr rasch Vertrauen zu mir gefasst hat, hat eine wunderschöne helle Gesichtszeichnung. Sie braucht viel energiereiche Nahrung für ihren Nachwuchs. Sie frisst viel und während meines Urlaubs konnte ich beobachten, dass sie dies mehrmals am Tag macht. Sie ist wenig daran interessiert, Vorräte zu sammeln und zu verstecken. Eichhörnchen bringen zweimal im Jahr nach 38 Tagen Trächtigkeit ihre Jungen (2 bis 5) zur Welt: Einmal im Frühjahr zwischen März und April und einmal im Sommer zwischen Mai und August. Das Weibchen schmeißt das Männchen nach der Geburt aus dem Wurfkobel (Nest) und kümmert sich allein um den Nachwuchs. Häufig haben die kleinen Kobolde mehrere Kobel in Gebrauch. Sie nutzen sie zur Nachtruhe und für regelmäßige Schlafpausen. Der Wurfkobel wird auch für die Winterruhe genutzt. Dabei bleibt ihre Körpertemperatur im Gegensatz zu den Tieren die Winterschlaf halten, fast gleich. Ihr Herzschlag verlangsamt sich allerdings. Die Winterruhe unterbrechen sie täglich für ein bis zwei Stunden um Nahrung aufzunehmen. Dank ihres guten Riechers finden sie ihre Vorräte auch noch 30 cm tief in der Erde.

Das dritte Eichhörnchen ist ein Männchen, ich nenne es Mr. Sporty. Es ist unglaublich agil, sein Fell ist fuchsrot, es hat einen buschigen Schwanz und eine Narbe an der rechten Wange. Oftmals bekomme ich gar nicht mit, dass er da war. Er ist wie ein Blitz und lässt sich von nichts und niemanden gerne aufhalten. Wenn er kommt, ist der Behälter mit den Walnüssen schnell geleert und ich muss wieder für Nachschub sorgen. Dabei nimmt er auch gern mal die Nüsse direkt aus meiner Hand. Beim Abtransport seiner Beute ist er so auf seine Tätigkeit fokussiert, dass er um Haaresbreite an mir vorbeistürmt, über Äste und Bäume fliegt, um dann leichtfüßig und schnell den Baum hinunter zu sprinten und die Nuss an geeigneter Stelle zu vergraben. Im Nullkommanichts ist er dann wieder da.

Acht Kilogramm Nüsse versteckt ein Hörnchen im Schnitt als Wintervorrat. Meine vier Kilogramm Walnüsse waren in wenigen Tagen versteckt. ForscherInnen haben herausgefunden, dass die Eichhörnchen sich das Wiederfinden ihrer Vorräte erleichtern, indem sie die Nüsse sortieren und gruppenweise deponieren. Eichhörnchen sind sehr clever. Nicht nur dass sie bis zu 10.000 Verstecke wiederfinden und sich vieles merken müssen. Sie wollen natürlich nicht, dass ihre Schätze von anderen Hörnchen entdeckt werden und täuschen Verstecke vor, indem sie ein Loch graben und wieder zuschütten, um die Nahrungskonkurrenten in die Irre zu führen. Hin und wieder überprüfen Eichhörnchen ihre Vorräte. Bei dieser Qualitätskontrolle werden schadhafte und schimmelige Früchte entfernt. Neben dem Nüsse knacken, eine Tätigkeit die erlernt und nicht angeboren ist, hat Mr. Sporty eine ausgesprochene Vorliebe für Karotten. Wenn er sie nicht direkt verputzt, klemmt er sie für den späten Hunger an der Rinde des Nadelbaumes fest. Der Baum scheint sein Vorratsschrank zu sein und sieht zeitweise wie ein geschmückter Weihnachtsbaum aus. Die eigentliche Zeit der Vorratssammlung beginnt jetzt im Herbst. Zu diesem Zeitpunkt sind die Eichhörnchen besonders aktiv und transportieren die Nüsse zum Teil auf weiten und gefährlichen Wegen in ihre Verstecke. Mir liegt es sehr am Herzen, dass Sie als AutofahrerInnen achtsam sind und diese liebenswerten Wesen nicht überfahren. Sie sind so sehr mit der Bevorratung beschäftigt, dass sie nur begrenzt auf den Straßenverkehr achten.

Ich freue mich täglich auf die Begegnungen mit meinen drei Nussknackern und wer weiß, vielleicht finden auch noch weitere Eichhörnchen den Weg zu mir.

Nachtrag:

Am 6. August verstarb ein viertes Eichhörnchen, das zu mir gekommen war. Das Männchen wurde auf der Straße „Am Hüning“ überfahren.

Am 6. September wurde Frollein Primo ebenfalls ein Opfer des Straßenverkehrs auf der Südstraße.

Mr. Sporty und Bellamami habe ich seit mehreren Wochen nicht mehr gesehen und fürchte, dass sie ebenfalls nicht mehr leben.

 

Text und Fotos: Gabi Joormann