War es der Osterhase? Wie sonst kommt das Uhu-Ei unter den Hochsitz?

In einem Uhurevier südlich von Rhede am vergangenen Wochenende: Vorsichtig war ich auf der Suche nach Anzeichen für eine Uhubrut wie z. B. Rupfungen erbeuteter Vögel. Unter einer großen Jagdkanzel fiel mir ein großes weißes Ei auf. Im ersten Moment dachte ich an ein Hühnerei, das vielleicht ein Fuchs oder Marder verschleppt hätte. Ich nahm das Ei in die Hand und bemerkte, dass es deutlich runder und auch etwas größer als ein Hühnerei war. Weiß und ziemlich rund – ein typisches Eulen-Ei, angesichts der Größe eindeutig ein Uhu-Ei!

Wie gelang dieses Uhu-Ei unter die Jagdkanzel? Uhus brüten regelmäßig, bei uns sogar überwiegend am Boden. Jedoch ist dann eine Mulde erkennbar, die das Weibchen scharrt oder zumindest freitrampelt. Zudem finden sich am Brutplatz Gewölle, also Speiballen aus Nahrungsresten, die jede Eule ein- oder mehrmals am Tag auswürgt. Dieses Ei jedoch lag einfach im Gras ohne erkennbare Trittspuren, Gewölle oder andere Anzeichen des Aufenthalts eines Uhus. Aufgrund des wochenlang weitgehend trockenen Wetters hätten unverkennbare Spuren vorhanden sein müssen. Das Ei wurde also nicht dort gelegt, wo ich es vorgefunden habe.

Uhus brüten gelegentlich auf Hochsitzen. Ein Sturz des Eis von der Jagdkanzel herab aber konnte ich ausschließen: Erstens hätte es den Sturz aus der beachtlichen Höhe trotz des weichen Waldbodens vermutlich nicht unversehrt überstanden und zweitens bot die geschlossene Kanzel dem Uhu keine Brutmöglichkeit.

Das Ei ist somit klar verschleppt worden, doch von wem? Ein Marder oder Fuchs könnte es schaffen, ein solches Ei unversehrt zu transportieren, um es an einem anderen Ort zu verzehren. Doch ausgerechnet unter einer Jagdkanzel, wo doch drumherum der ganze Wald zur Verfügung stand? Der Zufall müsste schon recht groß gewesen sein. Auch ist fraglich, wie ein Marder oder Fuchs an ein Uhu-Ei gelangen soll. Uhus sind extrem wehrhaft und schaffen es in der Regel problemlos, einen erwachsenen Fuchs in die Flucht zu schlagen. Einen Marder betrachtet der Uhu als Frühstück. Somit gelangen Fuchs oder Marder nur dann an ein Uhugelege, wenn die Altvögel gestört werden oder wenn das Gelege bereits verlassen ist. Also kommt die Verschleppung durch ein Tier nur infrage, wenn der Uhu vom Nest verjagt worden oder umgekommen ist. Ersteres kann durchaus passiert sein, denn in dem Wald fanden vor kurzem umfangreiche Forstarbeiten statt.

Als weitere mögliche Ursache verbleibt die Verschleppung durch einen Menschen. Vielleicht ist es kein Zufall, dass in direkter Nähe, also in Schussweite des Hochsitzes ein Luderplatz vorhanden ist. Ein Luderplatz ist ein Ort zum Anlocken von Füchsen mit jagdlichen Überresten, um diese dann von der Jagdkanzel aus totzuschießen. Eier sind beliebte Nahrung des Fuchses – was ihm leider oft allzu übelgenommen wird, und damit sicher eine gute Ergänzung für einen solchen Abschussplatz. Vielleicht hat es das Ei aus irgendeinem Grund nicht bis zum Luderplatz geschafft, vielleicht wurde es vor dem Ansitz nicht am Luder abgelegt um dort keinen Menschengeruch zu hinterlassen und nach dem Ansitz vergessen? Oder war es doch schon ein verfrühter Osterhase? Wir werden es wohl nie erfahren.

Bild und Text: NABU/Martin Steverding