Veränderungen der Vogelwelt in Rhede seit den 1980er-Jahren

Schwarzkehlchen – Männchen
Foto: NABU / Marianne Harborg

Rhede in den 1980er-Jahren: Kiebitze waren auf fast allen Feldern zu sehen, Feldlerchengesang erfüllte die Luft und täglich hörte man im Frühling den Kuckuck. Allerdings: Die nächsten Brutvorkommen von Störchen, Wanderfalken oder Uhus waren weit entfernt, kaum jemand glaubte damals, dass diese Vogelarten einmal nach Rhede zurückkehren würden. Die Vogelwelt in Rhede hat sich im Laufe der letzten vier Jahrzehnte stark verändert.

Aus den 1980er-Jahren liegen einige Veröffentlichungen zur lokalen Vogelwelt von Martin Renkhoff und Robert Weißenborn vor. Seit den frühen 2000er-Jahren haben mehrere aktive Beobachter des NABU Rhede die Vogelwelt im Blick, 2008 wurden die vorhandenen Daten im Rahmen des bundesweiten Kartierungsprojektes ADEBAR (Atlas Deutscher Brutvogelarten) zusammengestellt. 2021 haben wir die früheren Daten mit der aktuellen Situation verglichen.

Besonders stark zurückgegangen sind die Vögel der offenen Agrarlandschaft. Der Kiebitzbestand hat bereits in den 1990er-Jahren deutlich abgenommen. 2004 konnten wir dennoch 420 Paare in Rhede zählen, 2020 waren es weniger als 50. Ebenfalls seit den 1980er-Jahren stark zurückgegangen sind u. a. die Bestände von Rebhuhn, Feldlerche und Rauchschwalbe. Einen besonders drastischen Einbruch erlebte der Feldsperling. Von mehr als 1.000 Paaren in den 1980er-Jahren ging er auf aktuell weniger als 20 Paare zurück und wird voraussichtlich sehr bald aussterben. Gänzlich verschwunden sind in Rhede die folgenden Arten der offenen Landschaft: Ortolan (etwa 1990, in NRW ausgestorben), Uferschnepfe (2008), Rotschenkel (2004) und Bekassine (1985).

Unter den in Rhede ausgestorbenen Arten sind nicht nur Vögel der Agrarlandschaft: Die Haubenlerche, ehemalige Charakterart von Brachen und Industrieflächen, verschwand in Rhede im Jahr 2000 und ist in ganz NRW ausgestorben. Der Girlitz, ein vor etwa 20 Jahren noch häufiger Stadt- und Gartenvogel, ist seit etwa 2012 verschwunden und fehlt im gesamten Nordwesten von NRW.

Es gibt aber auch positive Entwicklungen, von denen wir einige kaum für möglich gehalten hätten: Der Weißstorch hat 2020 in Rhede erstmals einen Brutversuch unternommen und brütet seit Jahren knapp außerhalb von Rhede in der Dingdener Heide. Wanderfalke und Uhu waren in Deutschland vor einigen Jahrzehnten am Rand des Aussterbens. Seit 2014 brüten Wanderfalken auf der Rheder Kirche und aktuell leben vier bis fünf Uhupaare in Rhede. Der Mittelspecht brütet in Rhede seit 2009 und ist mit 30 bis 40 Paaren heute nicht mehr selten, der Kolkrabe ist seit 2013 Brutvogel. Deutlich zugenommen haben auch zwei insektenfressende Singvögel, der Gartenrotschwanz und das Schwarzkehlchen. Neue Brutvögel sind die fremdländischen Arten Kanadagans, Nilgans und Rostgans.

Der nur geringfügig veränderten Artenzahl steht ein starker Rückgang der Gesamtzahl der Vögel gegenüber. Dieser wird vor allem durch den Einbruch ehemals sehr häufiger Feldvögel wie Feldsperling oder Feldlerche verursacht – eine Folge der intensiven Bewirtschaftung mit Mais-Monokulturen und starkem Gülle-, Kunstdünger- und Pestizideinsatz. Weitere Rückgangsursachen sind das Verschwinden von Strukturen und Lebensräumen wie Brachen, ungenutzten Säumen, alten Weideschuppen, alten Baumbeständen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Siedlungen, Abbruch und Umbau älterer Gebäude, Überbauung durch Gewerbe- und Wohngebiete und der Straßenverkehr (Neubau von Straßen und Zunahme der Verkehrsdichte). Die positiven Entwicklungen betreffen mehrere große Arten, die durch Einstellung der direkten Verfolgung und/oder durch gezielte Artenschutzmaßnahmen bundesweit zugenommen haben, wie Wanderfalke, Uhu, Kolkrabe und Weißstorch. Die deutliche Zunahme von Schwarzkehlchen und Gartenrotschwanz scheint im Widerspruch mit der Abnahme der meisten übrigen insektenfressenden Kleinvögel zu stehen. Möglicherweise profitieren beide Arten vom Klimawandel, insbesondere von trocken-warmer Witterung während der Brutperiode.

Der sonnengelbe Girlitz mit seinem klirrenden Gesang ist in Rhede ausgestorben. Foto: gemeinfrei

Der Niedergang der Feldvögel lässt sich nur durch tiefgreifende Änderungen der Landwirtschaft aufhalten bzw. rückgängig machen. Dafür sind die Landwirte zwar als Bewirtschafter in hohem Maße, aber nicht allein verantwortlich: Solange die Nachfrage nach konventionellem Billigfleisch so hoch bleibt wie heute, wird sich die Landwirtschaft nicht grundlegend ändern und solange werden zwei Drittel der Fläche von Rhede (Anteil Agrarlandschaft: 68 %) weitgehend frei von brütenden Vögeln bleiben. Darüber hinaus haben alle Haus- und Gartenbesitzer, Betriebsinhaber und Verwalter von öffentlichen Flächen einen Einfluss auf die Vogelwelt. Allzu viel Ordnung dürfte zum Rückgang einiger Vogelarten beigetragen haben.

Dr. Martin Steverding