Bislang unberücksichtigte Aspekte zum Nordring

Symbolbild: NABU/F. Schöne

Im Juli erhielt das Bocholter-Borkener Volksblatt eine umfassende Stellungnahme des NABU, in der wir ausführlich auf die ökologische, klimatische und städtebauliche Bedeutung des letzten großen innerstädtischen Grüngürtels auf der Trasse des im Bocholter Norden geplanten Nordrings hingewiesen haben. Auf der ca. 5 Kilometer langen Trasse leben mehr als 800 Bäume.

Der Chefredakteur des BBV sagte mir in einem persönlichen Gespräch in seinem Büro und auch per Mail vom 25. August zu, dass er das Thema noch vor der Kommunalwahl in Form eines umfassenden Artikels veröffentlicht würde. Am heutigen Samstag (12.9.) erschien die letzte Ausgabe des BBV vor der Kommunalwahl, doch leider hat der Chefredakteur seine Zusage nicht eingehalten. Offensichtlich ist wohl der Druck der Befürworter des Nordrings zu groß, als dass ein Wort noch etwas zählt …

Doch nun zu den einzelnen Punkten:

1. In einem Artikel im BBV vom 15. Juli umfasst die Grafik nicht die gesamte Trasse. Es fehlt an den Kreuzungspunkten die Darstellung der vorgesehenen Kreisverkehre. Nach unserem Kenntnisstand sind mindestens sieben Kreisverkehre vorgesehen. Insbesondere Kreisverkehre für Radfahrer gefährliche Kontaktstellen. Von daher wird durch den Bau des Nordrings der Radverkehr im Stadtgebiet unsicherer und somit dadurch nicht weiter gefördert, sondern eher unattraktiver. Dabei ist gerade in der heutigen Zeit die Förderung des umweltfreundlichen Radverkehrs als nachhaltige Alternative zum motorisierten Individualverkehr alternativlos.

2. Da die Grafk nicht umfassend ist, wird der östliche Teil der Trasse nicht dargestellt. Somit kann der nicht informierte Leser nicht erkennen, dass mit dem Nordring auch der nördliche Teil des Friedhofes gerodet wird. Damit wird der Friedhof nicht nur ökologisch entwertet, sondern er ist aufgrund der zu erwartenden Lärmbelastungen auch kein Ort der Stille mehr.

3. Der NABU hat sich nicht nur für den Erhalt des Waldstückes zwischen Hemdener Weg und Adenauerallee eingesetzt, sondern es gibt weitere Teilstücke entlang der vorgesehenen Trasse, die aus ökologischer Sicht unbedingt erhaltenswert sind. Von daher fordern wir auf den vollständigen Verzicht auf den Straßenbau, da es entlang des fünf Kilometer langen Trassenverlaufes an vielen Stellen ökologische Hotspots gibt, die unbedingt erhaltenswert und demnach nicht ersetzbar sind.

4. Der NABU fordert allerdings nicht nur wegen der besonders erhaltenswerten Teilstücke den Verzicht auf den Nordring, sondern auch deshalb weil er der Verkehrswende konträr entgegensteht. Viele Studien belegen, dass weiterer Straßenbau zu einer direkten Förderung des motorisierten Individualverkehrs beiträgt. Wir sind global, aber auch regional an zwei bedrohlichen Kippunkten angekommen: einerseits ist der Klimawandel in vollem Gange und bereits in den kommenden fünf Jahren könnte die Erderwärmung um 1,5° C erreicht sein. Eigentlich sollte die Erderwärmung erst am Ende dieses Jahrhunderts diesen Punkt erreicht haben. Möglicherweise werden somit nicht mal die 2° C als Maximalwert (Pariser Klimaschutzabkommen 2015) erreicht! Andererseits stehen wir vor einer bedrohlichen Abnahme der Biodiversität. Der Verlust der Artenvielfalt gefährdet ebenso unser eigenes Überleben! Unter diesen Gesichtspunkten ist der Bau einer weiteren Straße unverantwortlich!

5. Auch die Tatsache, dass die Fläche nicht komplett gerodet wird , rechtfertigt keineswegs den Bau einer neuen Straße! Die von Stadtbaurat Zöhler erwähnten Ersatzpflanzungen werden erst in Jahrzehnten ihre vollen Ökosystemleistungen erbringen, und können von daher gegenwärtig nicht als Kompensation der entfernten Vegetation bewertet werden. Herr Zöhler wird zitiert, dass 57% der „erhaltenswerten“ Bäume stehen bleiben sollen. In der heutigen Zeit ist jeder Baum erhaltenswert! Und wer legt denn fest, welcher Baum erhaltenswert ist und welcher nicht? Auf der gesamten Trasse stehen zahlreiche alte, ökologisch enorm wertvolle Bäume, deren Fällung in Jahrzehnten nicht zu kompensieren wäre. Wussten Sie, dass eine alte Eiche der Lebensraum von bis zu 4.000 Tier- und Pflanzenarten ist? Das erreichen allerdings nur alte Eichen und keine jungen, nachgepflanzten! Viele der nachgepflanzten Jungbäume haben in den vergangenen Jahren ihren ersten Sommer nicht überlebt. Von daher werden selbst großflächige Ersatzpflanzungen nicht den ökologischen und klimatischen Wert der mehr als 70 Jahre alten Trasse erreichen können. Das Argument der Ersatzpflanzungen hat keine Aussagekraft. Die Politik und die Verwaltung der Stadt wird von daher von uns deutlich dazu aufgeforder den gesamten Grüngürtel dauerhaft unter Schutz zu stellen und zudem weitere Gebiete innerhalb und außerhalb der Stadt durch massive Baumanpflanzungen zukunftsfähig zu gestalten!

6. Noch ist nirgendwo die Zahl veröffentlicht worden, wie viel Tonnen CO2 durch die Rodung der Trasse freigesetzt würden. Auch das sollte endlich veröffentlich werden, denn das ist ein ganz wichtiger Aspekt! Wie sollen verantwortungsbewusste Politiker*innen entscheiden, wenn ihnen diese überaus wichtige Zahl vorenthalten wird?

7. Die Asphaltierung eines fünf Kilometer langen Abschnitts durch den Bocholter Norden wird die Aufheizung dieser Wohnbereiche massiv erhöhen. Wald kühlt dagegen um bis zu 4° C die Umgebung ab. Statt der kühlenden Bäume wird die Hitze reflektierender Asphalt verlegt. Das gefährdet die Stabilität des innerstädtischen Klimas. Zudem ist auch nicht in die Planung einbezogen worden, welche Auswirkungen das Asphaltband auf die Grundwasserbestände haben wird. Dürre und absinkenden Grundwasserstände können alsbald zu einem Wassernotstand führen, wie bereits dieser und die beiden vorherigen Sommer in einigen Regionen Deutschlands gezeigt haben. Im niederländischen Arnheim werden wegen dieser gefährlichen Entwicklung dagegen bereits wieder Flächen entsiegelt. So wird Zukunft gestaltet!

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich auf dem 5 Kilometer langen Grüngürtel eine sehr erhaltenswerte Flora und Fauna entwickeln konnte. Es ist unverantwortlich, dass Befürworter des Nordrings den ökologischen und klimatischen Wert der Trasse völlig ignorieren. Die Befürworter des Nordrings gefährden mit ihrem Einsatz für einen derartigen Straßenbau die Lebensgrundlagen kommender Generationen. Wie viele Hitzesommer mit Dürre und Wassermangel brauchen diese Menschen noch, um zu verstehen, dass das Klima nicht mit sich verhandeln lässt? Jeder Baum ist wichtig für die Stabilisierung des innerstädtischen Klimas.

Michael Kempkes

Kreisverbandsvorsitzender

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